Pamela Pabst

Die Rechtsanwältin Pamela Pabst ist von Geburt an blind. Sie kam 1978 in Berlin als Frühgeburt auf die Welt.

Schulzeit, von der Sonderschule in die Grundschule bis zum Abitur

Zunächst besuchte sie eine Sonderschule für blinde und mehrfach behinderte Kinder, da keine andere Schule sie aufnehmen wollte. Die Lehrerin merkte jedoch schnell, dass Pamela dort unterfordert war. Sie kam - zunächst inoffiziell - in eine „normale“ Grundschule, wo sie integrativ beschult wurde. Dort kam sie gut zurecht, hin und wieder sagte jemand “Blinde Kuh” zu ihr, doch das nahm sie gelassen.

Nach der sechsten Klasse wechselte sie auf das Fichtenberg-Gymnasium, welches sich bereits 1979 entschlossen hatte, blinden und sehbehinderten Schülerinnen und Schülern integrativ das Abitur zu ermöglichen. So blieb Pamela Pabst der Wechsel auf ein Internat erspart.
Mit dem Unterrichtsstoff hatte sie keine Probleme. Die Lehrmaterialien wurden in Blindenschrift vorgehalten, durch zusätzliche Einzelstunden in den Naturwissenschaften wurden die Defizite im Unterricht ausgeglichen. Als Leistungskurs wählte sie Mathematik und legte somit als erste Blinde bundesweit das Abitur in diesem Fach am Maßstab Sehender ab. Dazu war es nötig, eine achtstündige Abiturarbeit zu schreiben. Ihre Noten waren stets gut, sehr gut sogar. Aber sie war allein, eine Außenseiterin. So oft die Möglichkeit bestand wurde sie von ihren Mitschülern geärgert, sie versteckten z.B. ihre Sachen und gaben sie nur gegen Geld wieder her, schütteten ihr Wasser auf den Stuhl und beschmierten ihre Kleidung. Einmal brannten sie ihr sogar die Haare ab. “Wenn ich meine Eltern, meinen inzwischen leider verstorbenen Direktor und mein Kriminalgericht nicht gehabt hätte, hätten die mich damals wahrscheinlich gebrochen”, sagt Pamela Pabst leise. “Ich habe nur durchgehalten, weil ich ein festes Ziel hatte.” Das Jurastudium, um schließlich einmal im Kriminalgericht tätig sein zu können.

Während der Schulzeit verbrachte sie als Hospitantin bereits viel Zeit im Kriminalgericht, machte lange Jahre Praktikum in einer mittelständischen Anwaltskanzlei und organisierte Gerichtsführungen im Berliner Kriminalgericht, sowie justizbezogene Lehrveranstaltungen              für Schulklassen u.a zu den Themen Volksgerichtshof, Justiz in der Weimarer Republik und Jugendgerichtsbarkeit.

Inspirationen - Studienzeit

Durch das Fernsehen kam sie auf die Idee einmal ins Gericht zu gehen. “Vorallem Liebling Kreuzberg habe ich immer gern gesehen”,sagt sie. Sie sagt wirklich “gesehen” oder auch “angeschaut”. Es klingt ganz normal. Pamela Pabst hat ihre eigene Art zu sehen. Sie sieht mit den Händen und mit den Ohren. “Es gibt Menschen, die sehen und doch nichts sehen”, sagt sie voller Überzeugung. “Das Gesicht und die Körperhaltung kann man kontrollieren, den Klang der Stimme hingegen nicht oder nur ungenügend.”

Bei ihrem Jurastudium an der Freien Universität Berlin tippte sie alles auf ihren sprechenden Laptop. Die Bücher, die sie zum Lernen brauchte, ließ sie sich von einem Kommilitonen vorlesen und nahm alles auf Kassette auf. “Das war ziemlich aufwendig”, sagt sie und lacht. Dann steht sie auf und geht zielstrebig auf ihr Bücherregal zu. Sie zieht ein Buch heraus und wiegt es nachdenklich in der Hand. “280 Seiten etwa. Das macht 30 Kassetten.”. Hilfreich sind ihr auch Gesetzestexte auf Datenträger und das Internet. Und so schaffte sie auch das Staatsexamen, das aus neun fünfstündigen Klausuren besteht. Für Pamela Pabst waren es jeweils sieben Stunden.

Im sich anschließenden Referendariat war Pamela Pabst u.a. am Landgericht Berlin, in einer Kammer für Arzthaftungssachen, sowie in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit und bei der Staatsanwaltschaft Berlin in der Abteilung für Tötungsdelikte tätig. Auch in dieser Zeit stand ihr eine bezahlte Assistentin zur Verfügung. “Ich nahm Bekannte, die auf das eigene Referendariat warteten”, sagt Pamela Pabst. “Ohne Assistenz geht es nicht, aber es war mir auch wichtig, vor meinen Ausbilderinnen und Ausbildern ohne Assistentin zu erscheinen, um diese dazu zu zwingen, sich mit mir auseinanderzusetzen und nicht mit meiner Assistentin über mich zu sprechen.” Der fehlende Blickkontakt führt häufiger dazu, dass sich Sehende an ihre Begleitperson wenden und über sie sprechen. “Mandanten oder Gerichtspersonen haben dies noch nie getan”, sagt Pamela Pabst, “aber auf der Straße passiert dies manchmal.” Aufgrund dieser Erfahrung legt Pabst Wert darauf, auch nichtdeutsche Mandanten, die sich nur mit Hilfe eines Dolmetschers mit ihr verständigen können, stets persönlich anzusprechen und niemals mit dem Dolmetscher über sie als Dritte zu sprechen.

Vom Wunsch zur Strafrichterin zur Selbstständigkeit als Rechtsanwältin für Strafrecht

Nach dem zweiten Staatsexamen, welches sie ebenfalls mittels einer nicht juristisch vorgebildeten Vorleserin, eines sprechenden Computers und Gesetzestexten auf Datenträger bewältigte, ließ sich Pamela Pabst in Berlin-Neukölln als selbständige Strafverteidigerin und Opferanwältin nieder.

Ursprünglich wollte Pamela Pabst eigentlich Strafrichterinwerden. Ihre Leistungen stimmten, aber Strafrichter dürfen nicht blind sein. Der Bundesgerichtshof hat 1987 festgelegt, dass ein Strafrichter den Angeklagten und die anderen Beteiligten sehen muss, um einen Eindruck zu bekommen. “Dabei kann ich mir auch einen Eindruck verschaffen”, sagt sie.
Im Referendariat hatte sie sich daher darauf eingestellt, im Kriminalgericht als Staatsanwältin tätig sein zu können, da gesetzlich möglich, doch auch dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Die Examensnote war zwar gut, doch nicht so gut, wie es der öffentliche Dienst gern gehabt hätte. Dass behinderte Menschen stets mehr leisten müssen, um dieselbe Note zu erreichen, wurde dabei nicht berücksichtigt. Das Gleichbehandlungsgebot gilt erst dann, wenn behinderte und nicht behinderte Bewerber dieselbe Note vorweisen können.
Also blieb nur der Schritt in die Selbständigkeit.

Pamela Pabst ist die erste von Geburt an blinde Rechtsanwältin für Strafrecht in der Bundesrepublik. Blinde Richter und Staatsanwälte sind weitaus häufiger. Doch aufgrund der Finanzlage im öffentlichen Dienst hat kaum noch ein Blinder die Chance, dort unterzukommen. Vor Jahren war dies fast selbstverständlich, unabhängig von der Note.
Während der Hauptverhandlung bedient Rechtsanwältin Pamela Pabst sich der Hilfe einer sehenden Assistentin, die ihr zusätzliche Informationen über das Verhalten von Zeugen und Prozessbeteiligten gibt, sollte sie dies für nötig halten, doch ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt, kann sie auch am Klang der Stimme feststellen. Außerdem liest ihre Assistentin ihr die Akten vor und beschreibt –  wenn nötig – Fotos.

Seit gut zwei Jahren ist sie zugelassene Anwältin mit dem Schwerpunkt Strafrecht. “Ich übernehme natürlich jeden Fall”, sagt sie, “aber mich fasziniert vor allem das Strafrecht, diese fremde Welt”, sagt sie. Neulich hat sie einen 14-Jährigen verteidigt, der einem 11-jährigen das Handy geklaut hat, “abgezogen” nennen die Kids das. “Der Junge hat seine Kindheit in Heimen verbracht, weil der Vater die Mutter umgebracht hat und im Gefängnis saß”, erinnert sich Pabst. “Er kam dann mit sich selbst nicht klar und ist in diese Sache hereingeraten.” Sie macht eine kurze Pause. Dann sagt sie: “Und sicher nicht zum letzten Mal.“
Pamela Pabst ist beliebt bei den Mandanten. Daran, dass sie blind ist, hat sich bis jetzt noch niemand gestört gefühlt. Die Mandanten schätzen an ihr, dass sie niemanden nach dem Äußeren beurteilt und daher nicht voreingenommen sein kann. Dem ein oder anderen dient sie aufgrund ihrer Stärke als Vorbild. “Ein inhaftierter Mandant sagte mir neulich, er habe durch mich seinen Lebensmut wiedergefunden”, sagt Pamela Pabst.

Auch Strafrichter aus dem Kriminalgericht, die die junge Anwältin schon als ehrgeizige Schülerin kennen lernten, trauen ihr trotz ihrer Behinderung einiges zu und vermitteln ihr - wie den sehenden Kolleginnen und Kollegen -  immerwieder Pflichtverteidigungen. Mitlerweile liefe aber auch schon viel über Mund-zu-Mund-Propaganda. Pamela Pabst hat gut zu tun, doch dies hat auch eine unangenehme Kehrseite: Das Amt, dass ihre Assistentin bezahlt, gewährt ihr nur einen bestimmten Geldbetrag. Steigt die Arbeitsbelastung und damit auch der Assistenzbedarf, gibt es zukünftig aber nicht mehr Geld. “Ich habe große Angst davor, dass ich meine Arbeit irgendwann nicht mehr schaffe, weil ich ohne Assistenz dastehe”, sagt Pamela Pabst. Deshalb schafft sie jetzt einen zweiten PC mit Scanner an, um ihre Akten zu digitalisieren. “Allein mit Vorlesen geht es schon lange nicht mehr.” Das sieht das Amt als lediglich wirtschaftliche Erwägung an und streitet einen behinderungsbedingten Bedarf ab. “Ich werde mir die Geräte jetzt selbst kaufen”, sagt Pamela Pabst. Erst seit 2004 besteht überhaupt die Möglichkeit, als Selbständige eine Assistentin bezahlt zu bekommen.
Zweifler gab es am Anfang eher im Kollegenkreis, als es um die Bewerbung als angestellte Anwältin ging. “Ein Kollege lobte zwar meine Intelligenz, hielt es aber für undenkbar, dass ich in der Hauptverhandlung auftreten könnte”, sagt Pamela Pabst. Doch dort ist sie erst richtig in ihrem Element. “Geht nicht, gibt’s nicht!” sagt Pamela Pabst. Aber sie hat Verständnis dafür, dass sich manche nicht vorstellen können, wie man als blinde Frau diesen Beruf ausüben kann. “Die Leute machen die Augen zu und sind verzweifelt, aber ich hab das ja von Geburt an und kenne es nicht anders. Ich zeige den Leuten einfach, dass es geht und bin nicht böse, wenn es Zweifler gibt”, sagt sie.

Sie wünscht sich, dass ihr kleines Unternehmen weiterwächst und das Geld für die Assistentin zukünftig wenigstens nicht gekürzt wird. “Dadurch, dass die Unternehmen schrumpfen, müssen immer weniger Unternehmen die Ausgleichsabgabe bezahlen, die aufgrund der Nichtbeschäftigung behinderter Menschen zu leisten ist und behinderten Menschen zur Finanzierung von Assistenzkräften und technischen Hilfsmitteln zur Verfügung steht.“

www.pamelapabst.de